Hest dat wüsst?

"Als die Niederdeutsche Bühne entstand"
von Professor Karl Krickeberg, Rostock

Der Träger des John-Brinckman-Preises 1940, Professor Krickeberg, erzählt nachstehend von der Gründung der Niederdeutschen Bühne und den Erlebnissen auf den Fahrten der Bühne durch Stadt und Land.

Plattdeutsch bin ich geboren im altehrwürdigen Wismar, und plattdeutsch bin ich dort herangewachsen. Mein Vater, ein schlichter Beamter, wollte wohl aus seinem einzigen Jungen etwas machen, hütete sich aber wohlweislich davor, ihm vorzeitig das gemeiniglich vornehmer scheinende Hochdeutsch beizubringen. „Mien Jung“, so pflegte er zu sagen, „sall ierst’n dägten Mund voll Plattdütsch snacken lihrn. För dat Hochdütsch schick ick em nahst up de Schaul.“ Auch in der Schule, selbst auf dem Gymnasium noch bis hinein in die obersten Klassen, blieb für uns Jungens das Plattdeutsche die eigentliche Umgangssprache.
Es steckt in mir altes Theaterblut. Mein Urgroßvater ist in den Jahren 1801 bis 1810 Direktor des Schweriner Hoftheaters gewesen und hat ebenso wie seine Frau, die häufig rühmend genannte Madame Krickeberg, auch als Schauspieler nach verschiedenen mir bekanntgewordenen Berichten Tüchtiges geleistet. Was Wunder, daß unter der späten Nachwirkung solcher Erbschaft ich selbst, und zwar zunächst in hochdeutscher Sprache, drei Bühnenwerke schrieb, die an verschiedenen Theatern einen Erfolg hatten, mit dem ich wohl zufrieden sein durfte! Da kam bald nach dem Weltkriege zum erstenmal unter Steuerung von Richard Ohnsorg die Hamburger Niederdeutsche Bühne nach Rostock und gastierte im Stadttheater mit dem „Fährkrog“. Der Eindruck, den Stück und Darstellung auf mich machten, war ungewöhnlich stark. Mächtiger als je zuvor regte sich in mir die ererbte Neigung. Ich brannte darauf, selbst auch einmal als Darsteller auf die Bretter zu treten, und in dieses Begehren hinein mischte sich meine Liebe zur plattdeutschen Muttersprache. Als dann kurz darauf die bei uns eben entstandene niederdeutsche Gilde an mich herantrat mit der Bitte, die Gründung und Leitung einer niederdeutschen Bühne nach Hamburger Vorbild zu übernehmen, da sagte ich ohne langes Bedenken zu.
Von vornherein war ich mir klar darüber, daß unsere Vorstellungen nur innerhalb des Stadttheaters einen würdigen Rahmen finden könnten. Ich begann zu verhandeln mit dem damaligen Direktor, der noch einige Bedenken zeigte. Woher jetzt aber das erste Stück nehmen, das für die ganze weitere Folge entscheidend sein mußte? Man drückte mir Texte über Texte in die Hand. Vereinsstücke, nichts als Vereinsstücke! Keine Verwendbarkeit. Da geriet ich eines Tages an Boßdorfs „Bahnmeester Dod“. Das Werk wühlte mich auf bis in die Tiefe. Das war, was ich gesucht hatte. Mein Entschluß stand fest. Ich hatte das Glück, sofort auch die paar wirklich begabten Darsteller zu finden, die ich brauchte, und nun begannen die Proben, noch und noch und immer noch, mit den kleinsten und scheinbar ganz nebensächlichen Requisiten. Schon begann man zu murren. Doch was half es? Fiel die erste Aufführung durch, dann war es vorbei für immer. Gelang sie, dann war alles gewonnen. Und sie gelang. Schon in der Pause nach dem dritten Akt kam der Direktor zu uns auf die Bühne hinter den Vorhang, beglückwünschte jeden von uns mit herzlichem Händedruck und erklärte, völlig aus sich heraus, ohne von irgend jemand dazu angeregt worden zu sein, er werde diese neugeborene Bühne dem Stadttheater als dauernden Bestandteil angliedern.
Und nun begannen die Gastspielreisen durch viele mecklenburgische Städte, durch einen großen Teil Vorpommerns und südwärts weiter als halbwegs bis nach Berlin heran. Überall derselbe durchschlagende Erfolg mit dem Nachruf: „Kamt wedder!“ Es war eben noch die Zeit, da man so schwere Kost überall unbedenklich bieten konnte, was wenige Jahre später schon nicht mehr der Fall war. Bereits aber machte sich hier und da der Ruf nach einer Komödie bemerkbar. Wir durften ihn nicht unbeachtet lassen. Die plattdeutsche Bühnenliteratur jedoch steckte auf diesem Gebiet noch ganz in ihren Anfängen. Wir schrieben das Jahr 1920/21. Es fand sich kaum etwas Geeignetes außer dem „Kramer Kray“, und der sagte mir wenig zu, wie er auch seinem Verfasser, Hermann Boßdorf, nicht genügt hat. So setzte ich mich auf vieles Zureden selbst an den Schreibtisch und brachte eiligst die Bauernkomödie „Anner Lüd’ Kinner“ aufs Papier.

 
Die ersten drei, vier Jahre unserer Gastspielfahrten waren köstlich, aber sie waren auch ungeheuer anstrengend. Jeden Sonnabend und Sonntag waren wir unterwegs. Autoreisen waren bei dem damals noch miserablen Zustande der Chausseen unmöglich. Uns mußte die Eisenbahn befördern, und wir waren gebunden an den häufig recht unbequemen Fahrplan. Da hockten wir denn in den immer überfüllten und durchqualmten vierten Wagenklassen auf unseren Koffern oft stundenlang, bis uns der Bummelzug endlich redlich durchgerüttelt ans Ziel brachte. Nach einem flüchtigen Blick in die meist recht dürftigen Gasthausquartiere ging es dann sofort in den Theatersaal. Bühnenpläne und Requisitenzettel waren den Wirten rechtzeitig zugeschickt, äußerst selten aber war von ihnen eine Hand angelegt worden, um irgend etwas auch nur oberflächlich vorzubereiten. Auf dem Bühnenfußboden trieben sich vielfach noch Papierfetzen und Konfetti herum. Bammelig hingen hoch oben Prospekt und Kulissen an zuweilen unentwirrbaren Schnüren. Kein einziges Stück Möbel war bereitgestellt. Da hieß es dann: „Röcke aus!“ Wir selbst mußten den Aufbau vollziehen, der kaum je in weniger als zwei Stunden zu bewerkstelligen war.
Auf einer Stelle – es war in einer kleinen vorpommerschen Stadt – sollten uns nicht einmal drei Stühle bewilligt werden. Die würden im Saal gebraucht, hieß es, für die „Tokiekers“. An eine Sofa war schon gar nicht zu denken. Eine Kommode war zwar vorhanden, „baben in Mudding ehr Stäwelstuw, äwer se rückt se nich rut.“ – Der wohlbeleibte Wirt beobachtete unsere Verlegenheit und den wachsenden Ärger mit Händen in den Hosentaschen äußerst zufrieden. Er war des Glaubens gewesen, das alles brächten wir mit. Jetzt riß mir aber doch die Geduld. „Manning“, schnob ich ihn an, „billen Sei sick in, wi rumpeln mit’n Möbelwagen dörch’t Land?“ „Dat süll sick woll so gehüern,“ entgegnete er seelenruhig. – „So“, sagte ich, „denn laten’s dat man ganz un gor sin! Ick bruuk Sei ehr Hülp nich miehr. Wi maken dat nu anners.“ – „Je, wat wulln Sei denn woll anfangen?“ Mit grinsendem Behagen kam diese Frage heraus. „Dat will ick Sei seggen. De Saal ward vull hüt Abend. Sünd all veel Korten verköfft. Wi war’n uns oewer gornich ierst tätowieren un in de Klamotten stiegen. Wenn all de Minschen versammelt sünd, ward klingelt. Dann gah ick vör den Vörhang, bedank mi bi de Lüd, dat se kamen sünd uns egg: „Leider oewer koenen wi nich spälen, weil dat de Wirt so muffig is un för de Bühn nich mal’n Stauhl rutgeben will. Nu lat’t jug man dat Geld an de Kass’ trüggeben un all wedder na Huus!“ – „Dat willn Sei dauhn?“ – „Ick will? Ne, ick möt; Sei twingen mi jo dorto.“ Das zog. Plötzlich wurde er ganz artig, wandelte seine Tonart in Moll um und sagte kleinlaut: „Ne, dat wier mi denn doch pienlich. Nu bugen’s man wieder. Sei soelen ok allens hebben, wat Sei bruken.“
So ähnlich ging es oft. Die entgegengesetzte Behandlung kam wenig vor. Mit Rührung denke ich daher zurück an den Hotelbesitzer Tiburtius in Fürstenberg. Bei dem hatte ich ein Raritätenkabinett entdeckt, eine Art Privatmuseum, und als er, der grippekrank im Bette lag, gehört hatte, daß ich dafür ein lebhaftes Interesse besäße, stieg er trotz seines fiebrigen Zustandes aus den Federn, schleppte eigenhändig die herrlichsten Zinnsachen, ein altes Spinnrad, einen riesigen roten Regenschirm heran, half eine große Kastenuhr und einen prächtigen, messingbeschlagenen Koffer mit auf die Bühne tragen, und binnen Kurzem hatten wir eine Bauernstube zurecht, wie sie uns kein stehendes Theater echter aufbauen konnte.
Wir lebten ja in der jammervollen Inflationszeit. Von irgendeinem Barverdienst oder auch nur von einer bescheidenen Aufwandsentschädigung war nirgends zu reden. Häufig genug standen wir vor der Pleite, obwohl wir kaum wagten, uns unterwegs ein warmes Mittagessen zu leisten. Ernähren mußten uns die mitgenommenen, im besten Falle mit Schmalz dünn bestrichenen Brotschnitten, die am Montag morgen, wenn wir in aller Frühe heimfuhren, um rechtzeitig zum Tagesdienst zurück zu sein, nicht mehr sonderlich schmackhaft waren. Mochten die Säle noch so vollbesetzt sein, es half alles nicht. Das Unternehmen war durchweg verkalkuliert. Fahrgeld, Reklame, Unterbringungskosten, Saalmieten und sonstige Spesen verschlangen alles. Hatten wir mit dem Wirt zwei Wochen vorher einen Preis vereinbart, so hörten wir bei der Bezahlung in der Regel den Protest: „Ja, das war vor vierzehn Tagen. Heut steht die Valuta anders. Wenn das umgerechnet wird, dann kommt das Dreifache mindestens heraus.“ Unsere Eintrittspreise hingegen standen fixiert auf den längere Zeit vorher ausgehängten Theaterzetteln. Hätten auch wir die im letzten Augenblick umrechnen wollen, so würde das eine Revolution beim Publikum gegeben haben. Da hieß es schon, in den sauren Apfel beißen. Und doch war es schön. Unser Idealismus verließ uns nicht, und immer wieder sprang die Freude, die wir anderen bereiteten, auf uns selbst über. Ermuntert wurden wir auch dadurch, daß uns nach und nach die niederdeutsche Literatur annehmbare und recht gute Stücke in größerer Zahl lieferte, so daß wir in dieser Hinsicht nicht mehr Not litten.
Ich selbst gab als Beiträge zu diesen Neuerscheinungen, abgesehen von zwei Komödien, die zwar häufig gespielt, in Ermangelung aber der dazu nötigen Geldmittel niemals gedruckt werden konnten, die beiden ernsten Stücke „Pidder Lün’g“ und „Streik“ heraus.

Rostocker Anzeiger, Montag, 02.09.1940